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Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz/Krakau - ein Erfahrungsbericht

In der letzten Woche vor den Herbstferien fand die Gedenkstättenfahrt der Q2-Geschichtskurse nach Auschwitz statt. Die jedes Jahr durch die Fachschaft Geschichte organisierte Fahrt hat das Ziel, dass sich die Schüler*innen an einem historischen außerschulischen Lernort intensiv mit den Folgen von Diktatur und Gewaltherrschaft auseinandersetzen. In diesem Jahr nahmen 35 Schüler*innen teil. Organisiert wurde die Studienreise vom Lehrer des aktuellen Q2-Leistungskurses Jan-Henning Conrad, der die Fahrt durch seinen großen persönlichen Einsatz erst möglich machte. Als weitere Lehrkräfte begleiteten Katrin Rademacher und Marco Zangrando, die beide Geschichtsgrundkurse in der Q2 unterrichten, die Reise.

Im Folgenden berichtet der Schüler Julius Herz von seinen Erlebnissen während der Fahrt:  

Erster Tag
Wir trafen uns Montagnachmittag in Dortmund am Flughafen und landeten nach einem angenehmen Flug abends in Krakau. An dem Abend war es kalt und windig und deswegen waren wir froh, dass unser Reisebus uns schon erwartete, um uns zu der Unterkunft zu bringen. Nach dem Beziehen der Zimmer stand als erstes das Wechseln des Geldes auf dem Programm. Wir gingen ca. 1 Kilometer geführt von Frau Rademacher durch die Stadt und erreichten schließlich eine Wechselstube über der in Neonfarben „24h change“ stand. Jeder musste kurz überlegen, wie viel Geld er eintauschte, da Zurücktauschen äußerst unwirtschaftlich ist. Als wir dann die Möglichkeit bekamen, uns bis 23:00 frei in Krakau zu bewegen rannten die meisten, ich auch, zur nächsten US-Amerikanischen Fastfood-Kette. Der erste Abend war also gut überstanden und gegen 0:00 kehrte langsam Ruhe ein. Die Fahrt konnte nun losgehen.

 

Zweiter Tag
Am nächsten Tag stand nach dem Frühstück um 8:00 eine Stadtführung durch Krakau auf dem Programm und im Anschluss der Besuch in dem Oskar-Schindler-Museum. Wir teilten uns in zwei Gruppen mit jeweils einem Guide auf und bekamen einen Einblick in das schöne Krakau. Wir sahen viele prunkvolle Kirchen und historische Bauten. Der Guide betonte, dass Krakau eine Studentenstadt mit über 100.000 Studierenden ist. Sie erzählte uns von bedeutenden Professoren und Geistlichen. Als es dann in Richtung Oskar-Schindler-Fabrik ging, sahen wir kurz das jüdische Viertel in Krakau und hatten somit erstmals Kontakt mit dem Thema, welches der Anlass unserer Reise war. Zum Ende der Tour sahen wir einen Platz, wo Nazi-Verbrechen an Juden begangen wurden. Es war für mich der erste Zeitpunkt, an dem ich das Gefühl von Angst und Trauer spürte, welches mich ,wie ich jetzt weiß, die nächsten drei Tage nicht mehr los losließ. Allmählich machte sich eine bedrückende Ruhe in unserer Gruppe breit. Im Museum erfuhren wir mit eindrucksvollen Bilder und Gegenständen viel über das Leben der Juden in Krakau während des zweiten Weltkriegs. Unser Guide erzählte uns detailliert von der Nazi-Brutalität und dem Leiden der Juden. Wir sahen Propagandamethoden, die Lebensverhältnisse der Juden, die Verbrechen der Nazis und erfuhren aber auch über die Geschichte von Oskar Schindler, der über tausend Juden rettete. Solche Geschichten sind Zeichen der Hoffnung und ich war in meiner emotionalen Lage froh, dass auch sie erzählt wurden. Das Museum zeigte auch besonders gut, dass die Diskriminierung durch die Nazis langsam intensiviert wurde. Dokumente aus der Zeit, die wir als Deutsche verstehen können, waren für mich sehr ergreifend. So berührten mich die etlichen Zeitungsartikel, in denen die neuen Verbote für Juden in einer widerwärtigen Weise ausgedrückt und verkündet wurden. Nach dem Museumsbesuch hatten wir Freizeit in Krakau. Abends besprachen wir das Erlebte aus dem Museum im Plenum, wobei ein angeregtes und gutes Gespräch unter uns Schüler*innen zustande kam. Der Tag war anstrengend. Deswegen schliefen wir für „Klassenfahrtsverhältnisse“ schnell ein. Doch die Atmosphäre am Dienstagabend war angespannt. Wir wussten gar nicht, was wir zum morgigen Tag sagen sollten „Ich freue mich auf morgen“ würde komisch klingen. Es ging am Mittwoch in das Stammlager Auschwitz l.

 

Dritter Tag 

Mit Neugierde und Anspannung fuhren wir 1,5 Stunden zum Lager. Als wir ankamen, schaute ich aus dem Fenster und sah den Parkplatz voll mit Reisebussen und PKWs. Ohne zu wissen wo man ist, könnte man denken, man sei vor dem „Phantasialand“. Das war für mich befremdlich. Dann ging es mit der Führung los. Die gesamte Gruppe hatte Kopfhörer, um den Guide besser verstehen zu können. Es war also so weit, wir steuerten auf den Haupteingang mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ zu. Das Tor kam immer näher und schließlich gingen wir durch das Tor, welches wir alle schon so oft in den Geschichtsbüchern gesehen haben. Für mich war das hart. Links und rechts von uns befanden sich rote Ziegelsteinhäuser. Während wir liefen, gingen die Informationen direkt ins Ohr. Wir hatten eigentlich noch nicht viel gesehen, aber die Atmosphäre war kalt und bedrückend. In den Baracken waren Ausstellungen, die das Leben der Häftlinge und die Grausamkeit der Nazis zeigten. Viele interne Dokumente der SS waren ausgestellt, die mir zeigten, wie organisiert und professionell Menschenrechte verachtet wurden. So bleibt mir besonders die Bestellung des Giftgases Zyklon B mit Unterschrift eines SS-Mannes und Reichsstempel in Erinnerung. Die jüdische Gemeinde stellte auch in einer Baracke aus. Dort gab es ein Buch, welches 4 Millionen ermordete Juden namentlich auflistete. Mir wurden die Dimensionen des Massenmordes deutlich. Wir sahen Gefängnisse, Galgen, Wohnbaracken und die Todeswand (Wand, vor welcher Exekutionen durchgeführt wurden). Das Lager ist umzäunt von einer gewaltigen Befestigungsanlage. Das wurde mir klar, als ich ausversehen vor meiner Gruppe eine Baracke verließ und plötzlich bei Totenstille alleine mit dem Blick auf die zwei Stacheldraht-Zäune draußen stand. Am Ende der Führung betraten wir eine Gaskammer und ein Krematorium. Das wirkte unecht. Unser Guide erzählte uns detailliert, wie der Prozess der Tötung ablief. Emotional war die Gaskammer für mich fast schon zu viel. Ich ging eilig mit gesenktem Blick durch die Kammer und wollte gar nicht nach oben durch die Öffnung schauen, durch die das Gas strömte. Nach 3,5 Stunden fuhren wir zurück nach Krakau und waren froh, endlich essen gehen zu können und einmal Abstand von dem heute Erlebten zu gewinnen. Am späten Abend sprachen wir mit unseren Lehrer*innen über unsere Erlebnisse. Wir sprachen lange und ich glaube, die meisten waren auch dankbar darum.

 

Vierter Tag
Wir schliefen nun mit dem Gefühl ein, dass es morgen noch härter wird. Wir kannten jetzt viele Fakten zu Auschwitz II: ca. 1,5 Millionen Menschen wurden getötet, 172 Hektar groß. Mich belastete der Gedanke, dass ich morgen genau diesen Ort der Grausamkeit betreten werde, dass ich da entlang laufen werde, wo SS-Männer ihre Arbeit taten und Insassen litten und dass ich schließlich durch das Tor laufen werde, welches für Millionen von Juden den Tod bedeutete. Bevor es Nachmittags zum Konzentrationslager ging, besuchten wir das Jüdische Zentrum in der Stadt Oswiecim (Auschwitz). Dieses Museum zeigte uns, dass es vor dem NS-Regime eine sehr lebhafte jüdische Gemeinde dort gab. Wir betraten ein Synagoge, die letzte in Oswiecim, und lernten dort die jüdische Kultur und deren Bräuche kennen. So durften wir zum Beispiel versuchen, die Schofar zu spielen. Viele scheiterten kläglich, doch als einer es dann endlich schaffte, klatschten und lachten wir. Erst im letzten Raum des Museum wurden die Nazis in Oswiecim thematisiert. Ich dachte mir, dass seien doch nur kleinere unscharfe Fotografien doch in Kombination mit den Geschichten, die unser Guide erzählte und dem Hintergrundwissen über das rege jüdische Leben in Oswiecim, berührte mich diese Fotoreihe doch sehr. Als wir das Museum verließen, fuhren wir direkt mit unserem Reisebus nach Birkenau. Während dieser zehnminütigen Busfahrt schloss ich weder meine Kopfhörer an, noch startete ich eine der vielen Spiele-Apps auf meinem Smartphone. Ich schaute einfach aus dem Fenster und versank in meinen Gedanken. Nach der Ankunft warteten wir auf die Frau, die uns auch durch Auschwitz I führte. Da jedoch kein Eintritt in Birkenau genommen wurde und auch keine Sicherheitschecks durchgeführt wurden, betraten wir schon das Gelände. Ich stellte mich auf die Schienen und schaute geradeaus auf das mächtige Verwaltungsgebäude aus roten Backsteinen, durch welches das Eingangstor führte. Dieser Anblick war überwältigend. Die Führung begann mit der Besichtigung der Wohn-und Sanitärbaracken. Die Verhältnisse in Auschwitz-Birkenau waren deutlich schlechter als im Stammlager. Unser Guide erklärte uns, dass die meisten Baracken umfunktionierte Pferdeställe des polnischen Militärs waren. Die Sanitärbaracken für den jeweiligen Sektor waren völlig unterdimensioniert und ließen weder Intimität noch Hygiene zu. Ich wurde mir dann im Klaren darüber, dass wir nicht einmal zwei Tage in Birkenau überstehen würden. Es war für mich unvorstellbar, dass die Menschen dort wirklich lebten und viele sogar Schwerstarbeit leisteten. Für die Nazis waren die Häftlinge keine Menschen und das wurde durch die Besichtigung der Baracken deutlich. Dann hatten wir die Möglichkeit, den Wachturm des Verwaltungsgebäudes zu betreten. Als ich oben ankam, erschlug mich die Größe des Konzentrationslagers. Es waren weit und breit nur Baracken zu sehen. Ich mahlte mir aus, dass jede Baracke mit mindestens 300 Insassen belegt war. Ich sah die strenge, fast schon perfekte Aneinanderreihung der Gebäude. Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass der einzige Zweck dieses Lagers die systematische Qual und schließlich auch Vernichtung von Menschen ist. Danach sahen wir die Rampe, auf welcher die Häftlinge aus dem Transportwagon ausstiegen und ihr Gepäck abstellten. Die ca. 200 Meter lange und 6 Meter breite Kiesfläche, umrandet von Eisenbahnschienen, erzeugte eine kalte und bedrückende Atmosphäre. Wir standen dann an dem Ort, auf dem die Selektion durchgeführt wurde. Auf einer Tafel war eine Fotografie, welche die Situation der Selektion abbildet, zu sehen. Unser Guide erklärte uns die einzelnen Bildelemente und zeigte sie uns in der Realität. Man könnte das Foto heute genauso schießen, alles sah so aus, wie vor 75 Jahren. Das Foto und die Erzählungen der Frau machten mir klar, dass ich exakt auf dem Platz stehe, wo tausende Familien getrennt und Menschen in den Tod geschickt wurden. Ein SS-Arzt entschied innerhalb von ein paar Sekunden, wer leben darf und wer nicht. Wir gingen über den sogenannten „Todesweg“ in Richtung der Ruinen der Gaskammern II und III. Der Gang zu den Gaskammern fiel uns allen schwer. Link und rechts von uns waren die Baracken in Reih und Glied aufgebaut. Die Ruinen der Kammern sind noch einmal gesondert mit Stacheldraht umzäunt. Zwischen den beiden Ruinen ist ein Mahnmal errichtet und ich erklärte mich bereit, die deutsche Gedenktafel für meine Gruppe vorzulesen, mein Mund war trocken und ich quälte die geschrieben Wörter heraus. Die Stimmung war ernst und traurig. Man konnte in den Ruinen nicht mehr wirklich viel erkennen, aber ich konnte es mir vorstellen und das reichte mir. Der Ausgang des Lagers war noch 200 Meter entfernt. Diesen nahmen wir auch, um durch die Sperrzone in Richtung der Sauna- und Badebaracke zu gelangen. Wir waren für den Moment nicht mehr auf dem KZ- Gelände, das spürte ich. Die Sauna-Baracke sollte die Hygiene und damit die Arbeitsleistung der Häftlinge erhöhen. Dort wurden die registrierten Häftlinge gewaschen und erhielten ihre Lagerkleidung. Mich erinnert die Sauna-Baracke an eine Auto-Waschstraße. Alle Räume waren passend zu ihrer Funktion beschriftet. Schließlich erreichten wir eine Ausstellung von zahlreiche Familienfotos der jüdischen Insassen. Meistens lächelten die fotografierten Personen und hatten Spaß. Doch wir, wenn wir das Foto heute sehen, wissen, dass diese Leben zerstört und die abgebildeten Menschen zu einen wertlosen, nummerierten Objekt wurden. Besonders ein Foto, welches eine Feier einer jüdischen Familie mit Kindern zeigt, berührte mich sehr. Den langen Weg zurück quer durch das Lager mussten wir bei strömendem Regen erledigen. Am Ende rannte ich sogar zum Haupteingang und war froh, endlich im Bus zu sitzen. Durchnässt kamen wir am Hostel an. Die Atmosphäre war lockerer. Ich glaube es lag daran, dass wir nun die beiden KZ-Besichtigungen hinter uns hatten. Nach der Besprechung mit unseren Lehrer*innen, wollte ich die schrecklichen Anblicke und Erlebnisse erst einmal hinter mir lassen.

 
Fünfter Tag

Am Abreisetag besuchten wir noch ein jüdisches Museum, wobei es mir äußerst schwer viel, konzentriert zu bleiben, da wir eine anstrengende Woche hinter uns hatten. Wir waren pünktlich am Flughafen und durchliefen die Sicherheitskontrollen, um schließlich abzuheben und Krakau zu verlassen.

 

Unsere Reise nach Krakau zeigte mir, wozu Menschen in der Lage sind. Sie zeigte mir die Folgen von Hass und mahnt uns Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für die Demokratie, sodass dieses Ereignis in der Geschichte einmalig bleibt.

 

Julius Herz (Q2)




Fotos: Jan-Henning Conrad und Marco Zangrando
 


Stadtführung durch Krakau


Der Wawel in Krakau 


Denkmal in Krakau für die von dem Platz aus deportierten Juden


Besuch der Gedenkstätte Auschwitz I


Buch mit den Namen von 4.000.000 ermordeter Juden


Besuch einer Synagoge


Versuch, die Schofar zu spielen


Wachturm über dem Haupttor von Auschwitz-Birkenau


Besuch von Auschwitz-Birkenau